Konflikt zwischen Grauen Wölfen und PKK Anhänger*innen in Wien

Von 22.06. bis 25.06.2020 kam es in Favoriten, dem bevölkerungsreichsten Stadtteil von Wien (mit einem hohen Anteil von Personen mit Migrationsgeschichte), zu Auseinandersetzungen zwischen rechtsextremen/ ultranationalistischen und unterschiedlichen linken Gruppierungen.
Anlassfall für die Auseinandersetzungen war eine Demonstration für Frauenrechte, die vor allem von linken türkischen und kurdischen Organisationen initiiert worden war und zum Teil auch von Symphatisantinnen der PKK (Kurdische Arbeiterpartei) besucht wurde. In der Folge kam es zu Angriffen auf diese Demonstration von Gruppierungen mit Bezug zu den „Grauen Wölfen“ sowie Jugendlichen, die im weitesten Sinne einem islamistisch-nationalistischen oder rechtsnationalem Milieu zugerechnet werden können. Einige Jugendliche zeigten den in Österreich verbotenen „Wolfsgruß“, andere riefen auf Social-Media-Plattformen dazu auf, sich gegen die „Terroristen“ (gemeint ist die PKK) zur Wehr zu setzen, es wurden Parolen wie „Kurdenblut muss fließen“ gerufen und Feuerwerkskörper geworfen. Wichtig ist festzuhalten, dass bei weitem nicht alle Jugendlichen, die bei den Auseinandersetzungen zugegen waren, ideologisch gefestigte Rechtsextreme waren. Auch das Zeigen des „Wolfsgrußes“ ist mitunter mehr als Provokation oder Demonstration von Zugehörigkeit als „Türke/Türkin“ zu werten, denn als Hinweis auf eine rechtsextreme Einstellung. Für eine Einrichtung der Offenen Jugendarbeit in Favoriten, die schon seit einiger Zeit mit der Beratungsstelle Extremismus in Kontakt war und Unterstützung in Hinblick auf den Umgang mit ultra-nationalistischen Jugendlichen gesucht hatte, bestand die Herausforderung darin, einen Umgang mit dem Gewaltpotential „ihrer Jugendlichen“ (zum Teil langjährige Nutzerinnen der Einrichtung) zu finden. Einige Jugendliche wurden von der Polizei einvernommen und erhielten Strafanzeigen, u.a. wegen des Zeigens verbotener Symbole.

Beschreibung der pädagogischen Vorgehensweise


Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Extremismus waren vor Ort, zusätzlich erfolgte ein Monitoring verschiedener Online-Kanäle und -Plattformen die von Anhängerinnen der Grauen Wölfe bespielt wurden. So konnten Informationen, fachliche Einschätzungen zu Narrativen und mögliche Gegennarrative an die Mitarbeiterinnen der Jugendeinrichtungen vor Ort weitergeben werden. Im Zeitraum der viertägigen Auseinandersetzungen wurde laufend telefonischer Kontakt gehalten. Nach dieser intensiven Betreuungsphase wurde die Einrichtung weiterhin unterstützt. An insgesamt vier Terminen fand eine intervisionelle Nachbereitung der Ereignisse mit Schwerpunkt auf den Umgang mit der Polizei und genderspezfische Aspekte statt. Außerdem wurden die Jugendarbeiterinnen in Bezug auf wirksame Gegennarrative, Reframing-Strategien und Methoden der Gesprächsführung geschult.

Handlungsempfehlungen

  • Es ist wichtig zwischen „Organisierten“ und „Mitlaufenden“ zu differenzieren, ebenso wie zwischen ideologisierten Jugendlichen und Jugendlichen, die „Action“ suchen.
  • Hintergrundwissen über die „Grauen Wölfe“ ist vor allem in Hinblick darauf von Nutzen, dass durch Wissen Unsicherheiten bei Pädagog*innen abgebaut und ideologische Einschätzungen besser getroffen werden können (wenn Jugendliche etwa Alparslan Türkeş, Gründer der MHP – Partei der Nationalistischen Bewegung nicht kennen, dürfte es mit der Ideologisierung nicht weit her sein).
  • Es ist notwendig, sich damit auseinanderzusetzen, welche Bedürfnisse hinter der Zuwendung zu rechtsextreme Ideologien stehen (Machtversprechen, Zugehörigkeit, Männlichkeitsbilder etc.)
  • Essentiell ist es, die Beziehung aufrecht zu erhalten und Anerkennung sowie Akzeptanz für die Lebenswelt der Jugendlichen aufzubringen – unabhängig von ihrem Verhalten und von ihren Einstellungen. Das heißt allerdings nicht, dass problematische Aussagen ignoriert werden sollen. Ganz im Gegenteil, es meint, Position zu beziehen und in einen Dialog zu treten.
  • Online-Lebenswelten der Jugendlichen müssen in die pädagogischen Settings zentral miteinbezogen werden.
  • Geschlechterreflektierende Ansätze fragen nach den Motiven von Jungen und Mädchen, sich rechtsextremen Gruppierungen zuzuwenden und welche Rolle hierbei geschlechterbezogene Vorstellungen spielen.
  • Ein intersektionaler Ansatz hat unterschiedliche Diskriminierungs-dimensionen sowie Machtverhältnisse im Blick.

Zum Autor: Der Bericht wurde von den Mitarbeitenden von der bei bOJA (dem bundesweiten Netzwerk Offene Jugendarbeit) angesiedelten Beratungsstelle Extremismus verfasst. Für weitere Informationen zur Beratungsstelle klicken Sie hier.