Dies ist das Transskript eines Vortrags von Professorin Dr. Bedia Akbaş (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel) mit dem Titel: „Bildungsbiographien in der Migrationsgesellschaft und die Frage der Zugehörigkeitserfahrungen“, der am 08. Juli.2024 in Kiel auf der Tagung „Unbezweifelt dazugehörig? Inklusion von jungen türkeistämmigen Menschen mit Bezug zu Ultranationalismen in Deutschland“ gehalten wurde.
Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für Ihre Einladung. 45 Minuten stehen mir etwa zur Verfügung, in dem Zeitformat werde ich zum Thema „Bildungsbiografien und Zugehörigkeitserfahrungen – Chancen und Risiken“ sprechen.
Überall dort wo es um das Thema Zuwanderung geht, verschärft sich die öffentliche Debatte zusehends. Es geht um Verteilungskämpfe und dabei ist es unsere gemeinsame Aufgabe für alle hier lebenden Menschen, die Zukunft lebenswert zu gestalten.
Ich meine wir haben alle die Verantwortung, die Zukunft gemeinsam kritisch-reflektiert zu gestalten. Die Kindertagesstätten sind sehr entscheidende Orte für die Zukunftsgestaltung, wenn es um die Teilhabe, Zugehörigkeit, Anerkennung und Bildung geht. Für alle Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten sollte selbstverständlich eine anspruchsvolle Bildung ermöglicht werden und ihre Welt sollte nicht begrenzt sein. Alles sollte von klein auf erleb- und erfahrbar für sie sein. Dafür ist wichtig, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt in Leitbildern, Konzepten und Personalpolitik selbstverständlich abbildet. Dies ist sowohl Aufgabe der Träger als auch ein Gestaltungsauftrag der Kommunen. Es bedarf ganz selbstverständlich einer Organisations- und Personalentwicklung, die die gesellschaftliche Realität wiederspiegelt – auch in Leitungspositionen. Diese Vielfalt tut auch den Kindern in den jeweiligen Institutionen gut.
Biographie
Der Begriff Biographie stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus „bios“ (Leben) und „graphein“ (schreiben). Zumeist wird Biographie als ‚Lebensbeschreibung‘ bzw. als Darstellung/Erzählung der Lebensgeschichte verstanden. Allerdings ist es für unseren Kontext wichtig zu erwähnen, dass Biographieforschung sich dabei von der Unterstellung abgrenzt, dass es sich bei der biographischen Erzählung um eine rein individuelle Sicht und Erfahrung handelt und dass die Analyse von einzelnen Lebensgeschichten nicht zu generalisierbaren Aussagen führen kann. Dagegen setzt die Biographieforschung die Einsicht, dass Biographien aufs Engste mit gesellschaftlichen Strukturen, Diskursen und Prozessen verbunden sind.
Die Kita, Schule, das Jugendzentrum, Einrichtungen der Erwachsenenbildung etc. stellen Orte dar, die Individuen in Selbstverständnisse und Selbstpraktiken einführen, die durch bestimmte Ordnungen vorstrukturiert sind und damit ein selbstverständlicher Teil der Biographie sind. Dabei spielen Zugehörigkeitserfahrungen eine wichtige Rolle. Zugehörigkeitserfahrungen sind Phänomene, in denen die Einzelnen ihre Positionen in sozialen Zusammenhängen erfahren.
Wie gestalten sich die Bildungsbiographien von migrantisierten Kindern und Jugendlichen im Kontext (migrations-)gesellschaftlicher Differenzverhältnisse? Welche Zugehörigkeits- und Marginalisierungserfahrungen machen die Subjekte in den Institutionen des Bildungssystems? Wer darf Träume haben? Wer nicht? Wer darf selbstbestimmt sein? Wer wird fremdbestimmt?Die berühmte Rede von Martin Luther King „Ich habe einen Traum“/„I have a dream“ endet mit „Endlich frei“/„Free at last“. Das Recht jedes Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben ist etwas das tief in der westlichen Tradition verankert ist.
Die Umgebung des Individuums muss ihm einerseits Freiräume und Optionen geben (also von Zwang und Manipulation absehen), andererseits aber auch Ressourcen bereitstellen, die das Individuum zu einem selbstbestimmten Leben befähigen. Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern immer wieder erklären, dass Freiheit immer auch bedeutet, die Freiheit anderer zu akzeptieren. Die türkische Gemeinde Schleswig-Holstein leistet hier wichtige Arbeit mit Eltern.
Ein Risikofaktor für Bildungsbiografien ist die Defizitorientierung. Die Chance wäre hier ein ressourcenorientierter Ansatz und Anerkennung.
Erster Impuls: Die Implementierung eines Ressourcenansatzes anstatt einer Defizitorientierung. Gedanken schaffen Realitäten, positiv wie negativ. Also: Bildungserfolgreiche, junge Menschen treffen auf ein Bildungssystem, dass wir in einer Anerkennungsperspektive auf den weiteren Erfolg dieser jungen Menschen ausrichten müssen. Du bist ein großartiger, junger Mensch und passt wunderbar in diese Schule.
Die migrationsgesellschaftliche Realität spiegelt sich in den Schulen, durch eine hohe Anzahl an Schüler*innen, die mehrsprachig aufwachsen, wieder. Zahlreiche Studien und Expertisen weisen darauf hin, dass Schüler*innen mit einem sogenannten ‚Migrationshintergrund‘ besonders von (Bildungs-)Benachteiligung betroffen sind und Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen machen. Die Lebenssituation und damit die Bildungssituation von vielen Menschen mit Migrationsgeschichte wird durch einen Mangel an Anerkennung ihrer Biographien strukturiert.
Die Kommunen müssen sich mehr damit auseinandersetzen, welche Erfahrungen Schüler*innen in den Schulen in ihren Kommunen machen, welche Auswirkungen Othering auf ihre Bildungsbiographien haben. Mit Othering wird eine Subjektivierungspraxis bezeichnet, bei der gleichzeitig das ‚Andere‘ und das ‚Nicht-Andere‘ konstruiert werden. Die Herstellung der ‚Anderen‘ beschreibt den Prozess des ‚Anders Machens‘ oder ‚Fremd Machens‘, wodurch binäre Grenzziehungen zwischen ‚Wir‘ und ‚den Anderen‘ hergestellt werden. Bildungseinrichtungen und insbesondere Schule sind wesentliche Akteure für „Bildungserfolg“. Von struktureller Benachteiligung und Diskriminierung betroffene Personen haben es schwer zu höheren Bildungsabschlüssen zu gelangen.
Strukturelle Benachteiligungen treffen insbesondere
– Kinder und Jugendliche, denen ein ‚Migrationshintergrund‘ zugeschrieben wird
– Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen
– Mädchen und junge Frauen mit oder ohne ‚Migrationshintergrund‘
– Kinder und Jugendliche aus ökonomisch benachteiligten Familien
– Risikofaktor: Soziale Lage/Umfeld, Chance: Aufwertung
Insbesondere in den Stadtteilen, die als sozialer Brennpunkt adressiert werden, ist der Anteil der Personen, die als Personen mit ‚Migrationshintergrund‘ gelten, hoch. Dort leben in einem besonderen Maße Personen, die sich in sozial-ökonomisch schwierigen Lagen befinden. Die Bildungssituation von Migranten und Migrantinnen wird vor allem moderiert von ihrer sozialen Lage.
Differenzen in den Lebensbedingungen bzw. Ungleichheitsverhältnisse hinsichtlich sozialstruktureller, materieller und gesetzlicher Bedingungen im Alltag der Kinder bringen Differenzen in den Bildungserfahrungen hervor, die zu Bildungsungleichheiten führen können. Der Stadtteil und dessen defizitäre Konnotation als segregiertes, stigmatisiertes Wohngebiet haben negativen Einfluss auf die Bildungsmöglichkeiten und Ausbildungschancen für Kinder und Jugendliche.
Risikofaktor: Normalitätserwartung, Dichotomisierung, Delegationsmöglichkeiten, Selektionen, Chance: Diversitätsfreundlichkeit
Wie kommt es zu institutionellen Unterscheidungen der Schüler und Schülerinnen in den Bildungsübergängen? Wie werden sie zu „passenden“ oder „weniger passenden“ Schülerinnen gemacht, wodurch wertvolle Bildungsprozesse verhindert werden. Im deutschen Bildungssystem stellt der Übergang zur Sekundarstufe I einen der für den späteren Bildungs- und Berufsverlauf wichtigsten Schritte dar.
Welche Effekte wirken hier?
Treffen Normalitätserwartungen von „passenden“ bzw. „weniger passenden“ Schülern und Schülerinnen auf Delegationsmöglichkeiten (z.B. bei Aufnahme oder Übergang) bei vorherrschenden abwertenden Zuschreibungen z.B. entlang von Kultur, Sprache, so werden diese Zuschreibungen bei Selektionen aufgerufen, ohne dass sie benannt werden (müssen).
Dichotomisierende Zuschreibungen z.B. entlang von Kultur, Sprache etc. sind ein wichtiger Grund für negative Selektionsentscheidungen im Bildungssystem und damit für ausbleibenden Bildungserfolg. Dabei sind Menschen nicht nur passive Träger*innen von „Kultur“, sondern immer auch Kulturgestaltende. „Kulturen“ sind dynamisch und in sich vielfältig, sie werden permanent von Subjekten verändert.
Schlussfolgerungen für Gelingensbedingungen
• Mehr Investitionen in sozialräumlich orientierte Bildungslandschaften halte ich für wichtig: Stadtviertel sind als Bildungsraum insgesamt zu verstehen.
• Abbau von Zugangsbarrieren und Bildungsbenachteiligung im regionalen Bildungssystem.
• Verwirklichung von mehr Gerechtigkeit in der formalen Bildung.
• Erfahrungen von Selbstwirksamkeit fördern
Vielen Dank.
Prof. Dr. Bedia Akbaş