Sozialpsychologie autoritärer und radikalisierter Denkmuster
I. Quellen der Überzeugungsbildung/Meinungsbildung
Bevor wir uns auf spezifische autoritäre und radikalisierte Denkmuster fokussieren, ist es wichtig, sich die allgemeine Frage zu stellen, wie wir generell unsere Überzeugungen bilden. Denn die zunächst naheliegende Annahme, wir würden nach reiflicher Überlegung zu einer rationalen Wahl, zu einer vernunftgesteuerten (politischen) Überzeugung gelangen, ist leider nichts weiter als ein frommer kognitiver Selbstbetrug. Und natürlich ist Rationalität bzw. die Evidenz der Faktenlage ein Kriterium, aber nicht das einzige. Die psychologische Forschung hat hier gezeigt, dass es darüber hinaus noch eine Vielzahl an Aspekten gibt, die zu einer bestimmtem Meinung über einen Gegenstand führen. Diese seien nun im Folgenden, in Anlehnung an das höchst wegweisende Werk von Robert Cialdini (2017), kurz aufgeführt:
1. Tradition: Menschen haben eine Meinung zu einem Gegenstand, indem sie sich einfach an das halten, was hierzu in ihrem Land, in ihrer Stadt, in ihrem Dorf schon immer gesagt und gedacht wurde. Sie nehmen die Tradition auf und geben sie möglicherweise an ihre Kinder weiter.
2. Sympathie/Liebe: Manchmal bilden bzw. übernehmen wir eine Überzeugung, weil wir bspw. die Person, die eine ähnliche Überzeugung hat, mögen, sie lieben, oder sie einfach sympathisch finden. Die gewünschte Nähe zu der Person ist das Movens, das uns zu dieser Überzeugung leitet.
3. Große Zahl/Konformismus: Gelegentlich halten sich Menschen einfach daran, dass eine Vielzahl von Menschen (vermeintlich) dieselbe Überzeugung hat. Davon macht die Werbung häufig Gebrauch, indem sie bspw. sagt, sie hätten schon 10 Millionen zufriedene Kunden etc. Wir gehen dann davon aus, dass sich die zehn Millionen wohl nicht irren können und sind geneigt, dieser Auffassung ebenfalls zuzustimmen.
4. Gruppendruck: Ein hierzu ähnliches Phänomen bildet der Gruppendruck in der konkreten Entscheidungssituation. Wenn fünf unserer Freunde (aber auch Personen, zu denen keine affektive Nähe besteht) eine bestimmte Haltung oder Meinung in einem Gespräch äußern, fällt es uns schwer, die eigene, hierzu konträre Meinung zu vertreten. Dies ist in der Sozialpsychologie sehr schön durch die Experimente von Salomon Asch (1956) dargelegt worden.
5. Autorität: Gelegentlich sind wir geneigt, einfach die Meinung von Autoritäten zu befolgen (und uns keine eigene Meinung zu bilden), weil wir vielleicht die Bestrafung bei Abweichung fürchten. Die Rolle der Autorität bzw. des Gehorsams gegenüber Autoritäten ist in der politischen Psychologie gut erforscht. Als exemplarisch genannt sei hier das sogenannte Milgram-Experiment genannt, welches eindrücklich zeigt, zu welcher Unmenschlichkeit Menschen fähig sind, wenn sie blind Autoritäten, in diesem Fall einer wissenschaftlichen Autorität, folgen (Vgl. Milgram, 1963).
Um die Bildung unserer Überzeugung vor allem im politischen Kontext zu verstehen, ist ein kurzer Exkurs auf die Rolle von Emotionen, hier insbesondere der Angst, wichtig:
So zeigen bspw. gedächtnispsychologische Untersuchungen, dass sich Menschen bei ihren Urteilen umso stärker von affektiven (und dadurch letztlich sozialpolitisch noch schwieriger steuerbaren) Einflüssen leiten, je weniger Detailinformationen sie zum gegebenem Sachverhalt verfügen (Vgl. Klauer, 1991). Dieser Befund verdeutlicht, wie wichtig politische Bildung und politisches Wissen sind.
Auch konnte gezeigt werden, dass mit einer systematischen Induktion von Angst und Furcht gravierende Einstellungsänderungen einher gehen: So folgt aus einer intensiven angstbesetzten Kommunikation, dass Menschen sich den Inhalten verschließen und die Botschaften ausblenden bzw. aus Selbstschutz (Schutz vor überwältigenden negativen Gefühlen) diese nicht wahrnehmen. Im Kontext von Migration und Integration heißt das: Systematische Veränderungen in der Einstellung der Mehrheitsbevölkerung können durch angstinduzierende Kommunikation erreicht werden, wenn bspw. Migranten/Zuwanderer als „Eindringlinge“, als „Belastungen des Sozialsystems“, als „Gewaltbereite“ dargestellt werden oder Migration mit einer Metaphorik wie „Das Boot ist voll“ geframt wird. Dadurch werden Ängste geweckt bzw. die Sterblichkeit des Menschen aktiviert (Mortalitätssalienz).
Eine weitere wichtige Folge von Angst ist die Verengung der kognitiven Fähigkeiten: Angst führt zu einer Selbstfokussierung und zu einem Rückgang der Empathie mit Anderen. So gibt es bspw. auch starke Zusammenhänge zwischen Angst/Ängstlichkeit und politischer Orientierung: Ängstliche Menschen sind deutlich konservativer. Die hohe Bedrohungswahrnehmung bzw. hohe Angst führt vielfach eher zur Wahl konservativer Politiker (Vgl. Hübl, 2019).
II. Relevanz des Autoritarismus für das Zusammenleben
Warum ist die Fokussierung auf Autoritarismus so wichtig? Dieses Konzept spielt nicht nur bei der Erklärung der Zunahme des Rechtsextremismus eine zentrale Rolle (Hopf, 1993), sondern Autoritarismus als eine mentale Haltung scheint ein großes Hemmnis bei der Etablierung eines multikulturellen Lebens in Deutschland zu sein.
Schon vor über 20 Jahren konnten Zick und Six (1997) zeigen, dass Autoritarismus neben Vorurteilen und nationaler Identifikation eine der entscheidenden Hemmnisse bzw. Barrieren für die Akkulturation von Minderheiten bildete. Ebenfalls gut belegt ist die Annahme, dass Autoritarismus häufig mit offenen wie subtilen Vorurteilen gegenüber Minderheiten einhergeht (Six, Wolfradt & Zick, 2001).
Ferner lassen sich autoritäre und gewaltbilligende Haltungen als kognitive Vorformen der manifesten Gewalt gegen Minderheiten deuten. Vielfach wird die Entwicklung autoritärer Einstellung im frühen Jugendalter lokalisiert, und zwar als Ergebnis einer Erziehung zu Gehorsam und Konventionalismus.
Studien zum Autoritarismus sollten jedoch nicht nur die sozialen wie individuellen Bedingungen, die zum Autoritarismus führen, identifizieren, sondern auch die Prozesse, die ihn aufrechterhalten. Denn nur so ist auch eine effektive Intervention möglich.
Hierzu hat Detlef Oesterreich (1993, 1996, 1997, 2000) eine Vielzahl von weiterführenden Forschungen vorgelegt. Er deutet Autoritarismus als eine Reaktionsform, die dann auftritt, wenn in Krisenzeiten Menschen Schutz und Sicherheit bei Autoritäten suchen. In dieser Konzeption entfällt die Stigmatisierung, mit der gewöhnlich autoritäres Verhalten behaftet ist. Zentral sind die situativen Faktoren, die das autoritäre Verhalten erklären. So ist die „autoritäre Persönlichkeit“ nicht ein in der Frühphase der Sozialisation erworbenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern stellt eine universelle menschliche Reaktion dar. In verunsichernden und überfordernden Krisensituationen suchen Menschen Schutz und tendieren dazu, sich an Autoritäten zu orientieren (autoritäre Reaktion), die (subjektiv) in der Lage zu sein scheinen, Schutz, Sicherheit und Orientierung zu bieten (Oesterreich, 1997). Die motivationale Grundlage, einer Person oder einer Institution Autorität zu attribuieren, ist in diesem Modell Angst und Verunsicherung, was noch einmal die Klammer bildet zu den Aspekten der Überzeugungsbildung im ersten Abschnitt. Die autoritäre Reaktion führt dazu, sich an denjenigen zu orientieren, die Macht haben. Insofern stellt sie eine symbolische Partizipation an der Macht dar, die die erfahrene eigene Machtlosigkeit ausgleicht und sie ist Konsequenz einer situationsspezifischen Überforderung. Krisen sind dabei aber nicht immer objektive Krisen, sondern die von Subjekten als objektiv krisenhaft erfahrene, wahrgenommene Situationen.
Generell lässt sich also festhalten, dass autoritäre Persönlichkeiten bzw. vielmehr autoritäre Verhaltensweisen dann entstehen, wenn lebensgeschichtlich starke Verunsicherungen erzeugt werden; dies kann sogar bei entsprechend großem Situationsdruck auch experimentell erzeugt werden (Oesterreich, 1997). Insofern erzeugen nicht allein totalitäre Gesellschaften autoritäre Persönlichkeiten, sondern auch in demokratisch verfassten, auf Marktwirtschaft beruhenden Gesellschaften können zur Entstehung autoritärer Haltungen beitragen; und zwar dann, wenn sie einerseits hohe Anforderungen an den Einzelnen stellen (Überforderung), zugleich aber auch ein hohes Frustrations- und Versagenspotential bergen und damit ängstliche Bindungen beim Einzelnen hervorrufen. Subjektiv führt dieses Verhalten dann zu einer Identifikation mit den Mächtigen und zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls.
In der bisherigen Forschung zeigten sich starke Geschlechts- und Bildungseffekte: In der Regel wiesen männliche Probanden höhere Autoritarismuswerte auf; generell zeigte sich, dass hohe Bildung mit geringeren Autoritarismuswerten einher ging. Auch dieser Aspekt verdeutlicht daher die Relevanz des politischen Wissens und politischer Bildung, um autoritäre Denkmuster zu begrenzen.
Wie gestaltet sich die Situation jedoch im Kulturvergleich?
Eine direkte Übertragung des Autoritarismuskonzepts auf andere Kulturen ist methodisch bedenklich und messtheoretisch problematisch; denn Autoritarismus ist in eher traditionalen, kollektivistischen Gesellschaften – wie beispielsweise in weiten Teilen der Türkei – vielmehr als ein Teil des gewöhnlichen Weltverständnisses zu sehen und scheint keinen Hinweis auf problematische Sozialisationserfahrungen und -verläufe zu geben. So ist bspw. Autoritarismus in Deutschland in der Regel mit politisch rechten Orientierungen assoziiert (manchmal auch mit dogmatischen Linken), die politischen Gruppierungen in der Türkei sind jedoch insgesamt tendenziell „rechtslastiger“ als deutsche politische Parteien. Nationalismus bzw. ein offensiver Nationalstolz ist in türkischen Kontexten weder ein politisches Problem noch Kennzeichen irgendeiner Randgruppe wie in Deutschland. Deshalb können autoritarismusaffine Einstellungen, die in Deutschland eher zum politisch rechtem Spektrum zählen und in der Öffentlichkeit nicht oder nur zögerlich geäußert werden, in der Türkei unproblematisch und offensiv vertreten werden, was zum Teil auch die hohen Autoritarismuswerte in Studien erklärt (Vgl. Uslucan, 2008). Möglicherweise findet hier eine Konfundierung autoritärer Haltungen mit traditionalen statt.
III. Methodische Vorsicht:
Viele der Forschungsdaten zu kritischen Themen wie etwa Vorurteilen, Gewalt, Radikalisierung und Extremismus resultieren aus Fragebogenstudien. Diese sind jedoch recht fehleranfällig bzw. in ihren Ergebnissen nicht immer valide. Neben den Fehlern, die natürlich immer schon in der Registrierung und Auswertung der Daten bestehen, die also abhängig von der Sorgfalt der Forschenden sind, gibt es auch Antwortverzerrungen seitens der Beforschten.
So gilt es bspw. stets auf das Phänomen der sozialen Erwünschtheit zu achten: Befragte weisen oft eine Tendenz zu sozialer Erwünschtheit auf; d.h. sie geben nicht die eigene Meinung an, sondern Antworten, von den sie annehmen, dass diese gesellschaftlich eher akzeptiert sind (vgl. Schnell, Hill & Esser, 2023).
Manchmal geben bspw. Jugendliche in Befragungssituationen auch hohe Zustimmung zu radikalen Ansichten, die aber zum Teil auf verbreitete Männlichkeitsnormen zurückgeführt werden und nicht die eigene, vermeintlich radikalisierte, Einstellung darstellen.
ZUM AUTOR:
Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan ist Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung und Professor für Moderne Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen an der Fakultät für Geisteswissenschaften.
Literatur:
Asch, S. E. (1956). Studies of independence and conformity: A minority of one against a unanimous majority. Psychological Monographs, 70 (9), 1–70.
Cialdini, R. (2017). Die Psychologie des Überzeugens. Hogrefe: Bern.
Hopf, C. (1993). Autoritäres Verhalten. Ansätze zur Interpretation rechtsextremer Tendenzen. In H.-U. Otto & R. Merten (Hrsg.). Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland. Jugend im gesellschaftlichen Umbruch (S. 157-163). Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
Hübl, P. (2019). Die aufgeregte Gesellschaft: Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken. München: C. Bertelsmann Verlag.
Klauer, K. C. (1991). Einstellungen: Der Einfluß der affektiven Komponente auf das kognitive Urteilen. Göttingen: Hogrefe.
Milgram, St. (1963). Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology (67), 371–378.
Oesterreich, D. (1993). Autoritäre Persönlichkeit und Gesellschaftsordnung. Der Stellenwert psychischer Faktoren für politische Einstellungen- eine empirische Untersuchung von Jugendlichen in Ost und West. München: Juventa.
Oesterreich, D. (1996). Flucht in die Sicherheit. Zur Theorie der autoritären Reaktion. Opladen: Leske + Budrich.
Oesterreich, D. (1997). Krise und autoritäre Reaktion. Gruppendynamik, 28 (3), 259-272.
Oesterreich, D. (2000). Autoritäre Persönlichkeit und Sozialisation im Elternhaus. Theoretische Überlegungen und empirische Ergebnisse. In S. Ripll, A. Kindervater, & C. Seipel (Hrsg.)(2000). Autoritarismus. Kontroversen und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung (S. 69-93). Opladen: Leske + Budrich.
Schnell, R./ Hill, P. B. & Esser, E. (2023). Methoden der empirischen Sozialforschung. Oldenbourg: DeGruyter Verlag.
Six, B./Wolfradt, U. & Zick, A. (2001). Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung als generalisierte Einstellungen. Zeitschrift für Politische Psychologie 9, 23-41.
Uslucan, H.-H. (2008). „Man muss zu Gewalt greifen, weil man nur so beachtet wird.“ Antidemokratische Einstellungen deutscher und türkischer Jugendlicher: Gewaltakzeptanz und autoritäre Haltungen. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 1, 74-99.
Zick, A./Six, B. (1997). Akkulturation von Aussiedlern als sozialpsychologisches Phänomen: Modelle zur Vorhersage des Akkulturationsergebnisses. In Silbereisen, R./Lantermann, E.-D./Schmitt-Rodermund, E. (Hrsg.), Aussiedler in Deutschland. Akkulturation von Persönlichkeit und Verhalten. Opladen, S. 233-257.