Vorurteile und Diskriminierungen sowie Möglichkeiten ihrer Überwindung
1. Einleitung
Vorurteile und Diskriminierungen sind nichts Neues; die Geschichte ist voll von ausgrenzenden Diskursen und Praktiken. Da kann sich kaum eine Nation, kaum eine Gruppe, wohl herausnehmen. Auch die psychologische Vorurteilstheorie kann hier auf eine lange Forschungstradition hinweisen, die die Stabilität der verzerrten Auffassungen über die „Anderen“ belegt (Schäfer & Six, 1978). Vorurteile haben fatale Folgen für das Zusammenleben sowie für eine gelingende Integration von Zuwanderern bzw. neuen Bürgern des Landes hat. Doch was sind Vorurteile genau?
Vorurteile bleiben meistens auf der verbalen Ebene. Sie lassen sich als die (negative) affektive Komponente der Fremdwahrnehmung deuten, während bei der Diskriminierung stärker auf die Verhaltensebene fokussiert wird, d. h. auf den Ausschluss eines Menschen aus gesellschaftlichen Teilhabeprozessen oder zumindest auf die Reduzierung seiner Teilhabechancen. Die wechselseitige Verstärkung von Vorurteilen und Diskriminierungen ist das, was im praktischen Alltag zu Konflikten Anlass gibt.
Wenn dann die betroffenen Gruppen Diskriminierungen wahrnehmen und auf diese reagieren, kommt es in der Folge zu vermehrtem Rückzug; es kommt zu Re-ethnisierungsprozessen. Die Mehrheitsgesellschaft wird als undurchlässig wahrgenommen, wie bspw. eine empirische Studie von Skrobanek (2007) anhand türkischer- und Aussiedlerjugendlicher sehr deutlich zeigt. Deshalb kommt einer wirkungsvollen Bekämpfung sozialer Diskriminierung von Minderheiten eine eminente Bedeutung bei deren Integration zu.
2. Ausmaß der Diskriminierungen
Auch das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) fragt in seinen jährlichen Mehrthemenbefragungen (an einer repräsentativen türkeistämmigen Haushaltsstichprobe) für das Land Nordrhein-Westfalen die Diskriminierungserfahrungen ab (vgl. Abbildung 1). Insgesamt haben bspw. im Jahre 2010 etwa 81% der Befragten angegeben, im alltäglichen Leben die Erfahrung ungleicher Behandlung von Zuwanderern und ethnischen Deutschen gemacht zu haben. Betrachtet man den Zeitverlauf, wird deutlich, dass die Erfahrung mit Ungleichbehandlung von 1999 bis etwa 2003 stetig angestiegen, aber von 2004/2005 bis etwa 2009 langsam zurückgegangen ist und im Jahre 2009 mit 67% einen Tiefststand erreicht hat. Im Jahre 2010 – in der Hochphase der Sarrazin-Debatte – erreichen die Diskriminierungserfahrungen allerdings den bisherigen Höchststand. Danach geht die Entwicklung zwar etwas zurück, bleibt aber seit 2016 relativ stabil auf einem Niveau von etwa 60%.
Abbildung 1: Diskriminierungserfahrungen 2001 bis 2019* (in %)

* Im Jahr 2000 wurden die Diskriminierungserfahrungen nicht erfasst.
Quelle: eigene Auswertungen von ZfTI 2010
Werden die Diskriminierungserfahrungen nach verschiedenen Lebensbereichen spezifiziert, so ergibt sich das in Abbildung 2 dargestellte Bild:
Abbildung 2: Diskriminierungserfahrungen Türkeistämmiger in verschiedenen Lebensbereichen, 2010
(in %)

Quelle: eigene Auswertungen von ZfTI 2010
Zunächst einmal ist erwähnenswert, dass 2010 die Reihenfolge der Lebensbereiche – was die Häufigkeit der wahrgenommenen Ungleichbehandlung betrifft – im Vergleich zu den Vorjahren kaum verändert ist. Besonders stark ist der Anstieg in jenen Bereichen, die sich schon zuvor durch eine hohe Diskriminierungswahrnehmung ausgezeichnet hatten. Deutlich wird etwa, dass in jenen Bereichen, in denen sich vor allem strukturelle Integration vollzieht – also auf dem Arbeits- und auf dem Wohnungsmarkt – Türkeistämmige besonders stark von Diskriminierungen betroffen sind. Dies sind Bereiche, bei denen ein individuelles Ausweichen auf andere „Anbieter“ nur schwer möglich ist und deshalb die Erfahrungen von Ausgrenzung eine hohe persönliche Vulnerabilität erzeugen.
Ein weiterer, eher kontraintuitiver Befund war, dass Diskriminierungswahrnehmung in Nachfolgegenerationen und bei besserer Integration besonders ausgeprägt war; dies ist insbesondere damit zu erklären, dass die Nachfolgegeneration, anders als ihre Eltern und Großeltern, deutlich höhere Erwartung an Gleichbehandlung hegen und umso frustriert sind, wenn diese nicht eingelöst werden.
3. Abbau von Vorurteilen
Welche Maßnahmen können jedoch zur Überwindung bzw. Prävention von Vorurteilen getroffen werden? Zunächst kann ganz allgemein festgestellt werden, dass Überwindung von Vorurteilen auf der Ebene ansetzen sollte, die relevant für die Bildung von Vorurteilen ist bzw. war, also auf der Ebene der Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule und Beruf.
Die schlichte Forderung nach mehr Informationen oder vermehrtem Kontakt der jeweiligen Gruppen überzeugt nicht ganz, denn vermehrter Kontakt kann ambivalente Folgen haben: Er kann zwar in manchen Fällen zur Überwindung des Vorurteils, zu einer positiven Veränderung, andererseits aber auch zu einer Bestärkung des Vorurteils durch verzerrte Wahrnehmung des Anderen führen.
Die Forderung nach vermehrtem Kontakt, um bestehende Vorurteile abzubauen, basiert ein Stück weit auf einem falschen Optimismus, weil die Erfahrung bzw. der Kontakt durch tiefsitzende Stereotype vorgeprägt ist und dadurch erwartungsbestätigend wirkt, somit die Offenheit für neue Erfahrungen ausblendet. Man sieht am Anderen das, was man ohnehin von ihm/ihr gedacht hat, was man also sehen wollte. Daher muss es darum gehen, nicht nur Stereotype durch andere, bessere Erfahrung zu korrigieren, sondern die volle Erfahrungsfähigkeit des Individuums mit all seinen Sinnen zu entwickeln: Es muss die Fähigkeit erwerben, das Andere, Fremde als Fremdes und Anderes unvoreingenommen wahrzunehmen; den Anderen in seiner gesamten Fülle, ohne Verzerrungen, zu sehen.
Die Forschung hat zeigen können, dass Kontakt allein zwar wenig bewirkt, wenn die Persönlichkeit als Wurzel des Vorurteils ignoriert wird, aber durchaus wirkungsvoll ist, wenn bei dem Kontakt folgende Rahmenbedingungen beachtet werden (Cook, 1985):
a) Gleicher Status der kontaktaufnehmenden Gruppen: Eindeutig wirkungsvoll für den Abbau von Vorurteilen scheint der wechselseitige Kontakt von Personen zu sein, die sozial wie ökonomisch den gleichen Status haben. Hohe Statusdifferenzen führen eher zu einer Vorurteilsverstärkung. Eine gesellschaftliche Angleichung der Gruppen würde also zu einem Abbau von Vorurteilen führen.
b) Die Fremdgruppe widerspricht dem eigenen Stereotyp: Der Kontakt darf also nicht einfach bereits bestehende Vorurteile zementieren.
c) Der Kontakt beinhaltet Kooperation zur Erreichung gemeinsamer Ziele. Da Kontakt unter Wettbewerbsbedingungen, wo das eigene Ziel nur auf Kosten der Anderen erreicht werden kann, eine Verschärfung des Vorurteils bedeutet, gilt es, Bedingungen zu einer Kooperation auf der Grundlage gemeinsamer Ziele zu schaffen, in der die Menschen wechselseitig voneinander abhängig sind. Über demokratische Konsensbildung sollten dann Ziele und Werte kooperativ ermittelt werden.
d) Individueller (und tiefgehender) persönlicher Kontakt der Einzelnen und keine singulären, oberflächlichen Kontakte.
e) Begünstigende soziale Normen: günstiges soziales Klima, Unterstützung des Kontaktes durch Autoritäten (vgl. Jonas, 1998).
Als vorurteilsabbauend kann sich auch der Wechsel von Bezugsgruppen durch Orts- oder Berufswechsel erweisen: Andere Bewertungsstandards können durch den normativen Druck der neuen Gruppe eigene Überzeugungen zur Revision zwingen.
Und auch bei dem Aspekt der öffentlichen Kommunikation gilt es, folgendes zu berücksichtigen, um Vorurteile abzubauen: Die Kommunikation muss die Zielgruppe tatsächlich erreichen, und die Zielgruppe muss die Informationen auch verstehen. Dies kann durch mangelnde Vorinformation und geringe Bildung gefährdet sein. Darüber hinaus muss jedoch die intendierte Vorurteile abbauende Kommunikation bzw. Botschaft akzeptiert werden. Hierbei ist nicht nur die Überzeugungskraft des Arguments, sondern auch die Glaubwürdigkeit des „Kommunikators“ (wer spricht?) wichtig.
Vorurteilsträgern sollte nicht nur mit rationalen Gegengründen, mit sogenannten counter narratives,, begegnet werden. Die Interaktion mit ihnen sollte aus einer Kombination von rationalen und emotionalen Elementen bestehen, ohne dabei aber den Vorurteilsträger seinerseits anzugreifen oder zu verurteilen, weil sonst der Abwehrmechanismus des Ich die Person gegenüber der Wirksamkeit von Gründen immunisiert.
Auf sozialpolitischer Ebene sollte der wohnräumlichen Segregation vorgebeugt werden, weil die räumliche Isolierung der Gruppen die Entstehung von unterschiedlichen,, andere Gruppen abwertenden Wertvorstellungen fördert. So entstehen Kommunikations- und Interaktionsbarrieren, die verzerrte Wahrnehmungen des Anderen ohne Korrekturmöglichkeit zur Folge haben.
Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene sollte eine Veränderung der normativen und sozialen Strukturen durch den Gesetzgeber erfolgen, indem legalisierte Diskriminierungen abgeschafft werden (z.B. ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse mit Minderheiten).
Abschließend sollten, um Missständen wirksam vorzubeugen, stärker Mechanismen der Selbstbeobachtung von Organisationen wirksam werden; beispielsweise eine verstärkte Zusammenarbeit mit Institutionen wie Antidiskriminierungsbüros, die immer wieder die Deutungshoheiten von Schule, Medien, Politik etc. kritisch hinterfragen. Denn letztlich schützen diese – als Korrektiv – nicht nur Minderheiten vor ungerechtfertigten Verdächtigungen und Anklagen, sondern auch die Majorität vor unkritischen, selbstgefälligen Deutungen und Einstellungsmustern.
Letzten Endes appelliert jede Veränderung des vorurteilsvollen Verhaltens an die Wahrnehmung und Behandlung des Anderen als unverwechselbares, eigenständiges Individuum, bei Aufrechterhaltung des Gleichheitsgebotes.
Veränderung soll nicht nur auf die Erfüllung des Grundrechtes der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz drängen, sondern auch der Gleichheit der Menschen untereinander.
Zum Autor:
Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan ist Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung und Professor für Moderne Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen an der Fakultät für Geisteswissenschaften
Literaturverzeichnis
Cook, S. W. (1985). Experimenting on Social Issues. The Case of School Desegregation. American Psychologist, 40, 452-460.
Jonas, K. (1998). Die Kontakthypothese: Abbau von Vorurteilen durch Kontakt mit Fremden. In: M. Oswald & U. Steinvorth (Hrsg.), Die offene Gesellschaft und ihre Fremden (S.129-154). Bern: Huber.
Schäfer, B.& Six, B. (1978). Sozialpsychologie des Vorurteils. Stuttgart.
Skrobanek, J. (2007). Wahrgenommene Diskriminierung und (Re)Ethnisierung bei Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund und jungen Aussiedlern. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung, 27 (3), 265-284.
ZfTI Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (2010): Ergebnisse der elften NRW-Mehrthemenbefragung 2010; Abrufbar unter: htpp://www.zfti.de/publikationen
ZfTI 20 Jahre Mehrthemenbefragung Integration und Partizipation türkeistämmiger Zugewanderter in Nordrhein-Westfalen 1999 bis 2019; Abrufbar unter https://www.zfti.de/publikationen.